02.03.2011

Fröhliche Urständ
Die Blues Akademie brachte Juwelen der Rockgeschichte ins Ei

NÜRTINGEN. Immerhin: Um dem Blues eng verbunden zu sein, bedarf es keines Doktortitels. Seine Band trotzdem Blues Akademie zu nennen, bleibt der Originalität des Ideengebers überlassen. Das so benamste Sextett aus der Umgebung des Universitätsstädtchens Tübingen zeigte am Samstag im Nürtinger Club Kuckucksei keinerlei Ermüdungserscheinungen, als es neben den üblichen Klassikern auch Hits aus eng verwandten Genres präsentierte.

Keinerlei Ermüdungserscheinungen: die Blues Akademie im Club Kuckucksei. FOTO: heb

Rund 30 Jahre ist es her, dass Carsten Keller als Gitarrist im Reutlinger Raum die Bühnen der Kleinkunst-Etablissements sondierte. Heute kennt der Gitarrist und Songschreiber vermutlich jeden Quadratmeter Bühnenholz zwischen Heilbronn und Rottweil. Nicht viel anders dürfte es seinen Kollegen, allesamt altgediente Zwölftakt-Haudegen, ergehen. Schlagzeuger Marek Niedzielski, Sänger und Perkussionist Eugen Krauss, dessen Sangesschwester Micha Schoettle und Bassist Manfred Schlecht verleihen mit ihrem Zusammenspiel dem Sound dieser Formation seit ungefähr zehn Jahren eine Gestalt, die auf unterhaltsame Weise genreübergreifend einen eigenständigen Charakter bewirkt. Soul, Funk und Jazz-Komposition beleben das Programm, wozu die begnadete Saxofonistin Gine Gelsdorf ihren (nicht gering bemessenen) Teil beiträgt.

Bei den Coversongs erblickten fast vergessene Rock-Diamanten wie „Pick up the Pieces“ von der zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Average White Band oder „Why did you do that“ von der Climax Chicago Blues Band das Licht der Welt in neuem Glanz. Bob Segers Roadtagebuch „Turn the Page“ feierte ebenso fröhliche Urständ wie „In a silent way“ aus der Feder des österreichischen Jazzers Joe Zawinul.

Zweieinhalb Stunden lang ließen die sechs Musiker keinen Zweifel daran, dass ihnen das auf rund 20 Ohrenpaare Beschränkte Publikum am Samstag im „Ei“ genauso wichtig war, wie wenn es deren hundert gewesen wären – und die dankten es mit anerkennendem Applaus. So bewirkte der Beifall der wenigen eine Zugabenrunde, die in einem dem Bandcharakter entsprechenden Eigenarrangement von Jimi Hendrix’ heimlichem Favourite „Little Wing“ kulminierte. (von Heinz Böhmler) © NÜRTINGER ZEITUNG